Montag, 8. Februar 2016

Würdigung

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Roger Willemsen verstarb mit 60 Jahren

Er war einer der feinsinnigsten Denker in unserer nicht immer denkfreundlichen Gesellschaft. Sollte er, Gott steh uns bei, nicht der letzte sein, wird er doch fehlen. Denn gerade an der intellektuellen Debatte mangelt es immer wieder mal – Pegida will und wird sie nicht ersetzen. Gerade dazu hätte ich so gern seine Meinung gelesen…

1984 veröffentlichte er sein erstes Buch. Er war Dozent, Übersetzer, Korrespondent, TV-Moderator, Regisseur und Produzent. Sein Buch „Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament.“ (S. Fischer Verlag, 2014) steht in meinem Bücherregal in einer Sachbuch-Reihe mit Landolf Scherzers „Der Letzte“ (Aufbau Verlag, 2000) und Gerhard Besiers „Fünf Jahre unter Linken. Über einen Selbstversuch“ (Verlag am Park, 2014). Aber sein Buch steht an der Spitze, d.h. ganz links. Und ich habe viele Bleistiftanmerkungen darin vorgenommen, was auf meinen besonderen Lesegenuss hinweist.

Heinrich Löbbers schrieb: „Ein Jahr lang hat er jede Sitzung des Deutschen Bundestages von der Tribüne aus verfolgt. Viele, viele Stunden lang saß er da oben, von früh bis spät. Und war damit vermutlich länger anwesend als irgendein Abgeordneter.“ (Sächsische Zeitung: Hollywood im Hohen Haus. 31. März 2014, S. 19). Und er war nicht da, um mit den Parlamentariern zu palavern, sondern um sie dabei zu beobachten. Er wollte sich nicht mit denen direkt schlagen.

Gleich so ziemlich am Anfang seiner Betrachtungen stellte Willemsen ernüchtert fest: „Das Parlament ist der öffentlichste Raum und doch in manchem so undurchsichtig wie unverständlich. (S. 23) Und er erklärte den Grundakkord vieler Debatten als „wechselseitige Missbilligung und rhetorische Ehrabschneidung“. (S. 34) Die Sprache des Parlaments charakterisierte er rigoros damit, dass sie zwischen grob vereinfachend und populistisch changiere.  „Zugleich aber ist das Parlament damit beschäftigt, Nicht-Verstehen herzustellen. (S. 99f.)

Den bis dahin noch ahnungslosen Wahlbürgern dürften die ehrlichen, szenischen Darstellungen auf den Magen schlagen. Die Abgeordneten sind ganz normale Menschen – zänkisch, egoistisch und irgendwie verrückt. Sie spielen mit ihren Handys und Tablets, lesen demonstrativ Zeitung, beschimpfen sich gegenseitig und bekunden permanent körpersprachlich, nicht zuzuhören. Selbst Angela Merkel ist da nicht ausgenommen, denn sie scheint auffallend oft den Saal verlassen zu müssen, wenn Gregor Gysi spricht. Manche haben offenbar mit dem Eintritt in das Parlament das Ende ihres Ehrgeizes erreicht. (S. 268) Und das mit den Parteien scheint dann auch nur Schwindel gewesen zu sein – sie haben sie nur gebraucht, um in den Bundestag zu kommen.

Wird Willemsen Lust haben, nunmehr von seiner Wolke herunter zu blicken? Vielleicht sollte man wenigstens in alle Dienstwagen des Bundestages Hörbücher von ihm legen.

G. Dietmar Rode
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